Von guten Mächten – Predigt von Michael Sattler

Predigt von Pastoralreferent Michael Sattler

anlässlich seiner Verabschiedung am 29. April in St. Elisabeth Auringen

(Evangelium: Johannes 15, 1-8)

Liebe Mitchristen, liebe Gäste, ich freue mich sehr, dass sie gekommen sind. Gerade haben wir den schönen und herausfordernden Text des Evangeliums vom Winzer, Weinstock und den Reben gehört. Für mich ist er aus zwei Gründen erfreulich und bedeutsam.

abschied-michael-07-aur-b12174Einmal hatte ich das große Glück elf Jahre lang in der Weinbaugemeinde Frauenstein mit der Familie leben und pastoral wirken zu können, später auch in den gastfreundlichen Gemeinden des Wiesbadener Ostens. Und so konnte ich jährlich den Zyklus der Winzer und des Weinanbaus kennenlernen, die Sorgfalt, aber auch die manchmal harten widrigen Bedingungen im Weinberg in Herbst und Winter. Und das spannende professionelle kultivieren des Weines in Fass und Keller, ein oft heiter-geselliges, sinnliches und manchmal  ein fast heiliges Geschehen – mich hat das sehr beeindruckt.

Und dieser Tage habe ich mich nochmals eigens aufgemacht zu einer kleinen Wanderung durch die Weinberge – und war mitten in unserem Gleichnis. Man sieht jetzt die im Winter zurückgeschnittenen knorrigen Weinstöcke. Nur ein etwa 40 cm langer Trieb wird angebunden – nur ein Trieb, der dann bei Wind und Wetter und Sonne bis zur Ernte wächst. Alle anderen Blätter, die vielen anderen Triebe werden weggeschnitten, weggeworfen und verdorren. Er wird beschnitten, damit konzentriert neues Leben wächst und Qualität gewinnt.

Und hier sind wir nah in unserem Gleichnis: Kennen wir es nicht aus unserem Leben, dass es Brüche gibt, dass etwas weggeschnitten wird, sei es durch Krankheit, persönliche Verluste und Krisen, Not, Leid und Tod von Angehörigen und Freunden – oft sehr schmerzlich, es ist ein Teil unseres Lebens. Aber wenn es uns – mit Gottes Hilfe gelingt – dies anzunehmen, öffnen sich oft neue Türen und Gelegenheiten, die vorher nicht im Blick waren.

weinprobe-nor-b10304Ein zweiter Grund: Auch Jesus und sein Leben wird oft mit dem Wein in Verbindung gebracht: die Hochzeitsfeier in Kana, das heutige Gleichnis, er wurde sogar wegen seiner Freude am Miteinander und Mahl von den Strengen seiner Zeit beschimpft. Und nicht zuletzt beim Abendmahl, als er sich sein Auftrag und das kommende Heil mit dem Wein verband und auch jetzt in der Eucharistiefeier sprechen wir von der Vergegenwärtigung  Jesu im Kelch des Heiles, Zeichen der kommenden Fülle Gottes.

Der Wein als Zeichen der Freude, der Gemeinschaft, des Genusses, des Heiles.

Doch nun weiter zum heutigen Gleichnis: Wir leben heute in einer unfassbar komplexen, vielschichtigen, manchmal auch unübersichtlich gewordenen Wirklichkeit, die uns herausfordert.  Sich dieser Außenwelt, der Globalisierung, der ständigen Beschleunigung zu stellen ist überlebensnotwendig, das wissen wir.

Aber gleichzeitig wird der Wunsch nach Vereinfachung des Lebens greifbar als ein ergänzender Gegenpol zu der komplexen Wirklichkeit.

In der Zeitschrift: Psychologie heute nimmt der  Psychiater Joachim Galuska aus seiner klinischen Erfahrung dazu Stellung. Er schreibt: „In der Zivilgesellschaft entspricht dem raschen äußeren Fortschritt in Forschung, Digitalisierung und Technik keine gleichartige, innere Kompetenz , um dem äußeren Fortschritt gewachsen zu sein.“ Er benutzt folgenden Vergleich: „Wir können in den Weltraum fliegen, aber wir brauchen auch den Raum, den „Weltinnenraum“, wie Rainer Maria Rilke es ausdrückt.

Es braucht ein inneres Lauschen: Was ist Mensch sein? Was geht, was geht nicht? Was ist gut für uns? Das ist das revolutionäre Potenzial der Meditation? Soweit Joachim Galuska.

Was er beschreibt ist die alte und neue Herausforderung an uns? Entfalten wir dieses innere Leben, dieses innere Lauschen? Die geistliche Tradition wusste und weiß um die beiden Pole des Lebens: die AKTION in Kirche und Welt einerseits und der Kontakt zur TIEFENDIMENSION des Lebens, zum Geheimnis Gottes andererseits, was Leben erst menschlich und lebenswert macht.

So sagt z. B. der heilige Benedikt: Bete und arbeite,

Pastor Bonhoeffer: Beten und Tun des Gerechten, 

und Frère Roger Schutz von Taizé: Kampf und Kontemplation.  

Unser heutiges Gleichnis ist zum Verständnis der Tiefenbeziehung zu Gott aufschlussreich, es geht um die innere Beziehung zu Gott in Christus, um die Einfachheit des Vertrauens, aus der Wertschätzung und Respekt uns selbst und anderen gegenüber wächst. Etwas , was immer Geschenk ist und gleichzeitig eingeübt werden muss. Es geht um den WÄRMESTROM des Lebens, der aus der engen VERBINDUNG ZU GOTT wächst, so eng wie Winzer, Weinstock und Rebe verbunden sind, ein Geschehen, ein Prozess, der in eins läuft.

taize-godi-5-b12096Im heutigen Miteinander steht dazu ein erklärender Satz, hier am Beispiel Taizé beschrieben: Das ist aktuell so, waren nicht gerade fast 50 Jugendliche unserer Pfarrei St. Birgid mit unserem Sozialarbeiter Pawel Meisler und Pfr. Frank Schindling  bei den Jugendtreffen und den Brüdern von Taize.

Es heißt dort:

„Taizé ist ein Ort, wo die Einfachheit das Größte ist, wo Jugendliche miteinander ins Gespräch kommen, wo Grenzen abgebaut werden, wo geschwiegen wird, wo die Wiederholungen ( – der biblischen Gesänge – ) so sind, dass sie nicht aus dem Kopf gehen, WO ES SO STILL IST; DASS MAN GOTT HÖRT“.

Diese wenigen Zeilen enthalten alles , worauf es ankommt: Stille, meditatives Hören, Gebet,    einfach und wiederholbar. Wir kennen das aus den geistlichen Traditionen unserer Kirchen : Schriftlesung, Wiederholung einfacher biblischer Worte und Gesänge, Rosenkranzgebet, Psalmengesang, das ostkirchliche Jesus- und Herzensgebet, die Liturgie und Feier der Eucharistie – und das geistliche Gespräch, wo  Grenzen im Verstehen überwunden werden können.

Es geht um die Unterbrechung des Alltags für einige Zeit, Zeit zum Einüben des Vertrauens in Gott. Gott erwartet und begleitet uns mit seiner Gnade und Liebe, oder wie Meister Eckhart es ausdrückt: Gott wirkt als Innerster aus dem Innersten auf das Innerste aller Dinge.

Vielleicht geht es darum die heute so notwendige Einfachheit des Vertrauens sogar wieder neu zu lernen, um uns selbst, den anderen Gutes zu sein und zu tun, aus der engen Beziehung zu Gott und seiner zuvorkommenden Liebe zu leben, den WÄRMESTROM GOTTES  in unsere Welt zu leiten in Wertschätzung, Respekt, Vertrauen in unseren Beziehungen, christlichen Gemeinden und darüber hinaus. Dazu braucht es aber diese Räume und Zeiten des Gebetes, der Stille und der Meditation.

Andreas Knapp, Dichter und Kleiner Bruder vom Evangelium aus Leipzig, beschreibt in einem kleinen Gedicht  in einigen Versen beide Pole des Lebens:

In tausend wünschen
endlose Jagd    
nach hülle und fülle                                 
sein wie gott
Gott aber
hegt nur   
einen wunsch  
den menschlichen Menschen
Einmal hat er sich selbst  
diesen wunsch erfüllt
Und wartet seitdem auf Nachahmung

Der menschliche Mensch – ich denke, wir wissen was gemeint ist. Der menschliche Mensch mit Vertrauen , Respekt und Wertschätzung, in unseren Gemeinden, in unseren Gruppen – das wünsche ich uns allen, damit das Leben lebenswert bleibt. Nehmen wir uns die Zeit, ganz menschlich zu werden und zu sein.

Und aus einem solchen Vertrauen aus und in Gott können dann sogar angesichts des nahen Todes Texte entstehen, wie sie Pastor Dietrich Bonhoeffer  geschrieben hat , mögen sie unser Leben – aus der Gottesbeziehung gespeist – tragen: Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr. Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

In diesem Sinne: Seien Sie gesegnet auf Ihrem weiteren Lebensweg.

Amen