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Brief aus Aleppo

Von den Blauen Maristen aus Aleppo erhielt das Ehepaar Maier aus der Pfarrei St. Peter und Paul, Wiesbaden, einen Brief:

Brief Nr. 29 der Blauen Maristen aus Aleppo vom 15. März 2017
Übersetzung des französischen Originals von P. Jean Debruynne am Ende des Briefes

 Vorsichtiger Optimismus

Am 23. Dezember 2016 fand für die Bewohner von Aleppo der Albtraum ein Ende. An diesem Tag verließ der letzte Konvoi von Rebellen und Terroristen, welche seit Juli 2012 die östlichen und südlichen Stadtteile von Aleppo besetzt hielten, die Stadt. Sie begaben sich unter neutraler Überwachung in die Nachbarprovinz Idlib, die immer noch unter der Kontrolle der Terroristen von Al Nusra steht.

Die Aleppiner waren außer sich vor Freude über die Befreiung ihrer Stadt. Es gab nicht mehr Ost oder West. Aleppo ist wieder das geworden, was es schon immer war, eine einzige Stadt unter Kontrolle des syrischen Staates. Nur 15 000 Einwohner der östlichen Stadtviertel wurden auf eigenen Wunsch zusammen mit den Rebellen nach Idlib evakuiert. Die anderen mehr als 100 000,  welche die unfreiwillige Besetzung erdulden mussten, blieben in Aleppo, einzig und allein, weil sie dort ihren Wohnsitz hatten. Sie haben viel gelitten, sind aber erleichtert nach 4 Jahren Besetzung durch die Terroristen und 3 Monaten Belagerung ihrer Stadtteile durch die syrische Armee. Für die 1,5 Millionen Einwohner der westlichen Stadtteile brachte die Befreiung ein Gefühl der Sicherheit, das sie seit mehr als 4 Jahren verloren hatten: Die Sicherheit, keine Mörsergranaten mehr abzubekommen, keine Gasflaschen, die als Bomben benutzt wurden und auch keine Schüsse von Heckenschützen.

Aber Optimismus mit Vorsicht: Immer noch fallen gelegentlich Bomben auf die äußeren Stadtteile von West-Aleppo, die von Rebellen abgeschossen werden, welche sich in einigen Kilometern Entfernung im westlichen Vorstadtbereich eingenistet haben.

Wie alle Aleppiner besuchten wir die ehemaligen Frontlinien, den historischen Stadtteil Jdeidé,  die Altstadt um die Zitadelle herum und die östlichen und südlichen Stadtteile. Das Ausmaß der Zerstörung übersteigt unsere Vorstellungskraft. In Midane, dem armenischen Stadtteil, in Jdeidé, dem historischen Stadtteil der Christen, in Hanano, in Sukari etc., überall  übertrifft die Wirklichkeit die Vorstellung.

Mit der Befreiung gewinnt die Stadt wieder ein mehr normales, mehr zivilisiertes Aussehen. Alle Straßen – die meisten waren durch Barrikaden oder Mauern aus Felsbrocken während der 4 Kriegsjahre versperrt – wurden für den Verkehr geöffnet. Man sieht sehr viele Fußgänger in den Straßen. Die Menschen bewegen sich gelassen ohne den Tod zu fürchten, der vor der Befreiung überall lauerte.

Der Autoverkehr ist sehr dicht. Die Verkehrsampeln und die Beleuchtung der Kreisverkehrsinseln, die durch Solaranlagen an jeder Kreuzung gespeist werden, funktionieren wieder. Die Müllabfuhr ist wieder in Gang gekommen; die Stadtgärtner sind in den öffentlichen Anlagen und auf den Grünstreifen wieder an der Arbeit. Alle Schulen und die Universität funktionieren normal.

Aber Optimismus mit Vorsicht: Die täglichen Lebensbedingungen bleiben allemal sehr schwierig.

Dieser Winter war sehr kalt. Heizöl war knapp. Und wegen des Ausfalls der Stromversorgung gab es keine Möglichkeit sich bei den niedrigen Temperaturen im Dezember, Januar und Februar zu wärmen.

Wie während der zwei vergangenen Jahre und trotz der Befreiung haben wir immer noch keine Stromversorgung. Wir kaufen den Strom immer noch zu einem teuren Preis von privaten Generatoren, die auf den Gehsteigen unserer schönen Stadt überhand nehmen. Sie verunzieren das Stadtbild mit ihren Kabeln, die überall herumhängen und verschmutzen die Umwelt. Die Behörden haben unermüdlich daran gearbeitet Aleppo mittels Hochspannungsmasten wieder an das staatliche Netz anzuschließen. Es scheint, der Anschluss sei seit einer Woche geglückt. Wir haben täglich eine Stunde lang Strom im Turnus.

Die Versorgung mit fließend Wasser ist immer noch unterbrochen. Während der Besetzung erreichte das Euphrat-Wasser zwar die Wasseraufbereitungsanlage von Aleppo, es wurde aber nicht in das Leitungsnetz eingespeist, weil die Pumpstation in den Händen der Rebellen in Aleppo- Ost war. Seit der Befreiung ist die Pumpstation wieder unter Kontrolle der syrischen Regierung, aber der IS (Islamischer Staat) lässt von der kleinen Stadt Khafsa am Euphrat das Wasser nicht mehr nach Aleppo pumpen. Die syrische Armee ist dabei diese Stadt wieder einzunehmen.

Aber Optimismus mit Vorsicht: In der Zwischenzeit benutzen 1,5 Millionen Aleppiner weiterhin Wasser, meist ohne Trinkwasserqualität, aus 300 Brunnen, die im Stadtgebiet gebohrt wurden. Die Zahl der Darminfektionen hat in letzter Zeit eine Rekordhöhe erreicht.

Manche Flüchtlingsfamilien konnten in ihre Wohnungen zurückkehren, andere müssen wichtige Reparaturen vornehmen. Weitere warten darauf, dass man mit dem Räumen der Minen ihres Stadtteils fertig wird und die Infrastruktur wieder hergestellt wird und schließlich warten manche, deren Häuser total zerstört sind, auf deren Wiederaufbau.

Augenblicklich gibt es viele Projekte zum Wiederaufbau der Stadt. Eine Vielzahl von nationalen und internationalen Organisationen bitten um Genehmigung um sich am Wiederaufbau zu beteiligen:

  • Eine zum Wiederaufbau von 10 Schulen,
  • Eine andere zur Wiederherstellung von 200 Wohnungen,
  • Eine weitere für die Rekonstruktion der Altstadt etc….

Aber Optimismus mit Vorsicht: Noch hat nichts begonnen – wait and see.

Die wirtschaftliche Krise bleibt schlimm. Während 6 Jahren Krieges sind die Menschen infolge von Arbeitslosigkeit und schwindelerregendem Anstieg der Lebenshaltungskosten verarmt. Paradoxe Situation: Die Aleppiner finden keine Arbeit, aber andererseits finden kleine Unternehmen, die sich zaghaft auftun, keine qualifizierten Arbeiter, sei es, dass die Mehrzahl der jungen Leute zur Armee eingezogen ist, um den Militärdienst abzuleisten oder als Reservisten zur Verfügung zu stehen, sei es, dass sie das Land verlassen haben, um unter einem gnädigeren Himmel zu leben. Die Menschen in Aleppo haben heute mehr denn je Hilfe nötig um zu überleben.

In der Zwischenzeit setzt sich der Krieg in Syrien fort unter Beteiligung zahlreicher fremder Streitmächte. Große Gebiete und viele kleine Städte wurden von der Beherrschung durch den IS befreit. Manche stehen jetzt unter Kontrolle des syrischen Staates, andere unter Kontrolle der Kurden, der Türken oder Islamisten.

Seit 2 Monaten gibt es intersyrische Verhandlungen unter Führung von Iran und Russland in Astana/ Kasachstan und ebenso unter Führung der UNO in Genf. Kein Forschritt ist zu Stande gekommen.

Aber Optimismus mit Vorsicht: Eine Liste der Verhandlungspunkte wurde aufgestellt und akzeptiert und das Datum einer weiteren Verhandlungsrunde wurde fixiert.

Keine der Hunderten von Flüchtlingsfamilien, die durch die verschiedenen Programme der Blauen Maristen unterstützt werden, konnte zu ihrem Wohnsitz zurückkehren. Im Gegenteil, wir haben einen Zugang von neuen Vertriebenen, die in den östlichen Stadtteilen wohnten und jetzt bei ihren ehemals vertriebenen Verwandten einziehen. Wir, die Blauen Maristen,  haben weder die Mittel, noch die Befugnis, noch die Aufgabe uns an dem materiellen Wiederaufbau der Stadt zu beteiligen. Hingegen denken wir, dass Wiederaufbau des Menschen erste Rangordnung hat und wir legen im Rahmen unserer Möglichkeiten hierauf unser ganzes Gewicht. Daraufhin haben wir unsere pädagogischen Projekte ausgerichtet und von neuem in Gang gebracht.

Unser Zentrum für Erwachsenenbildung, das „ M.I.T.“, organisiert weiterhin monatlich zwei Seminare, deren Gegenstand auf die Bedürfnisse von Erwachsenen von 20 bis 45 Jahren zugeschnitten ist. Im Februar leitete Frère Georges einen Workshop über das Thema „von der Vergebung zu Versöhnung“, und wir planen angesichts seiner Wichtigkeit demnächst Wiederholungen mit anderen Gruppen.

Wir sind  von der Notwendigkeit überzeugt, dass wir den jungen Erwachsenen helfen müssen Arbeit zu finden um aus dem Teufelskreis herauszukommen:

 Krieg – katastrophale wirtschaftliche Lage – Arbeitslosigkeit – Armut – Sozialhilfe  

oder Auswandern.

Deshalb haben wir Ende 2016 ein Seminar von 100 Stunden über 2 Monate hinweg für junge Leute von 20- 35 Jahren mit dem Thema:“ Wie plane ich mein eigenes Projekt“  organisiert. Zwanzig Teilnehmer haben von Fachleuten gelernt, wie man ein Projekt entwirft, realisiert und voranbringt. Am Ende des Lehrgangs hat die Jury die 4 hinsichtlich Realisierbarkeit, Rentabilität und Erfolgschancen besten Projekte ausgewählt und wir haben sie teilweise finanziert. Angesichts des Erfolgs des Programms haben wir gerade eine zweite Auflage mit 15 Teilnehmern gestartet.

Mehrere Projekte in Bildung und psychologischer Unterstützung wurden vor kurzem begonnen.

„Zuschneiden und Nähen“  ermöglicht etwa 30 Frauen zu nähen und Kleidung für den Bedarf der Familie herzustellen und auch um eine Anstellung in Textilbetrieben zu finden, die neu aufmachen und Arbeiter suchen. Der erste Kurs wird nach 4 Monaten Lehrzeit bald enden, und die Nachfrage weiterer Kandidaten für neue Kurse ist groß. Uns kommt ihre Anwesenheit bei den Nähkursen zugute, indem wir für sie Gelegenheiten zur persönlichen Bildung und psychologischen Unterstützung organisieren.

„Hoffnung“ ist ein Projekt, das darauf abzielt jungen Müttern, die Kinder in der Grundschule haben, eine Fremdsprache zu lehren, Englisch oder Französisch. In der Tat schreibt das Unterrichtsprogramm den Kindern ab der ersten Grundschulklasse das Erlernen einer Fremdsprache vor. Das Unterrichten der Mütter gibt diesen nicht nur eine persönliche Befriedigung, sondern ermöglicht es ihnen auch dem Lehrstoff ihrer Kinder zu folgen.

„Douroub“ nimmt Kinder von 10 bis 11 Jahren auf, die bis jetzt von unseren verschiedenen Angeboten nicht erreicht werden. Mit einer Mannschaft von 3 Betreuern kommen sie zusammen zu Aktivitäten in Bildung und Spiel.

„Kampf gegen Analphabetismus“ läuft auf zwei Niveaus. Das höhere Niveau für die, welche bereits am ersten Kurs von 2 Monaten teilgenommen haben, damit sie das Niveau der dritten Grundschulklasse erreichen, das heißt, Sätze bilden, diese lesen und schreiben. Weiter das Niveau , das mit einer neuen Gruppe von Eltern oder jungen Analphabeten beginnt, um Wörter schreiben und lesen zu lernen.

„Skill School“ mit 75  Heranwachsenden.

 “Lernen erwachsen zu werden“ und „Ich will lernen“ mit 200 Kindern von 3 bis 6 Jahren verfolgen besser denn je ihre sehr schönen Programme zur Erziehung, Unterrichtung und Unterstützung der Jugendlichen und Kinder.

Unsere verschiedenen Hilfsprogramme kommen weiterhin den Vertriebenen und Ärmsten zu Hilfe. „Die Blauen Maristen für die Vertriebenen“  helfen etwa 1000 Familien, christlichen und muslimischen, zu überleben, indem an sie Lebensmittelkörbe und Sanitärkörbe monatlich verteilt werden, dazu Bargeld um „1 Ampère Strom“ bei den privaten Stromerzeugern zu kaufen und monatlich einen Gutschein für Fleisch oder Geflügel. Wir geben den Vertriebenen auch Beihilfe zur Miete ihrer provisorischen Wohnungen.

Das Programm „Zivile Kriegsverwundete“ , durch das über Jahre tausende Verwundete behandelt und gerettet wurden, schwächt sich mit der Befreiung von Aleppo glücklicherweise ab. Aber immer noch behandeln wir, sei es neue Verwundete, die auf eine von den Rebellen hinterlassene Mine getreten sind, oder frühere Verwundete, die eine weitere Behandlung oder chirurgische Eingriffe benötigen.

 Das „Ärztliche Programm der Blauen Maristen“ hat hingegen wegen der Zunahme der Armut, der Arbeitslosigkeit und der Lebenshaltungskosten an Umfang zugenommen. Für mittellose Kranke beteiligen wir uns an den Kosten für chirurgische Eingriffe, Krankenhausaufenthalt oder ganz einfach den Rezept-Kosten (die Arzneimittelpreise sind um 400 % gestiegen), Röntgenaufnahmen, Scans und Laboruntersuchungen.

„Ich habe Durst“ verteilt mit unseren 4 Kleinlastern täglich Wasser an 40- 45 Haushalte. Wegen der Schwierigkeit unser Fahrzeuge an den überall in Aleppo gebohrten Brunnen zu füllen – sie sind von morgens 8 Uhr bis abends 10 Uhr belagert – und dem Zeitverlust bis man zum Zug kommt, haben wir begonnen eigene Brunnen zu bohren. So werden wir unsere Tanks schnell füllen und täglich eine größere Anzahl von Familien versorgen können.

Schließlich verteilt „Ein Tropfen Milch“  seit 23 Monaten  Milch an 3000 Kinder. Dieses für das Heranwachsen und die Entwicklung unserer Kinder wichtige Projekt hat keinen einzigen Tag ausgesetzt trotz der Schwierigkeit der Beschaffung von Milch, besonders der speziellen Säuglingsmilch und der hohen Kosten.

Mit der Befreiung von Aleppo ist trotz unseres vorsichtigen Optimismus unsere Aufgabe noch wichtiger als zuvor. Sie ist enorm. Werden wir physisch, moralisch und finanziell in der Lage sein, diese Herausforderung anzunehmen? Den Vertriebenen zu gegebener Zeit zu helfen nach Hause zurück zu kehren? Den Arbeitslosen eine Arbeit zu finden? Den traumatisierten ihre Wunden zu heilen? Den Verzweifelten Hoffnung geben? Den Kindern ihre Jugend zu leben, die der Krieg ihnen gestohlen hat?  Zu vergeben? Sich auszusöhnen? Werden wir in der Lage sein, die Menschen zu überzeugen, dass sie nicht mehr das Land verlassen sollen? Der Exodus geht weiter und täglich kommen Freunde, Bekannte, Freiwillige, Mitarbeiter, von uns Unterstützte um uns „auf Wiedersehen“ zu sagen, das aber eher einem „lebe wohl“ ähnelt.

Dessen ungeachtet tragen wir unser Engagement weiter. Wir machen uns einen Auszug aus dem schönen Text unseres Freundes P. Jean Debruynne zu Eigen:

Standhaft sein heißt auszuhalten, in ein Stückchen Himmel zu schauen, das grau oder schwarz ist, gehalten in einem Taschentuch, eingesperrt zwischen sehr hohen Mauern;

Standhaft sein heißt nie aufzugeben durch eine kleine Öffnung nach der Sonne zu schauen;

Standhaft sein heißt stur den neuen Tag hinter dem Stacheldraht aufgehen zu sehen;

Standhaft sein heißt die Pflicht ruhig zu bleiben nicht aufzugeben;

Standhaft sein heißt stolz zu sein;

Standhaft sein heißt Intoleranz, Gleichgültigkeit und das Leugnen von Unterschieden abzuwehren;

Standhaft sein heißt nie aufzugeben;

Standhaft sein heißt nie Stillstand zu akzeptieren;

Standhaft sein heißt Verantwortung zu übernehmen;

Standhaft sein heißt vor Gott zu stehen, nicht zu liegen oder zu knien, denn standhaft sein ist erfinden zu lieben.

Wir glauben auch, dass Standhaftigkeit die Hoffnung ist, dass nach dem Tode die Auferstehung folgt – Ostern.

Nabil Antaki

Im Namen der Blauen Maristen

Spendenkonto:
Kath. Pfarrei St. Peter + Paul, Wiesbaden
IBAN: DE70 5105 0015 0128 0349 35
Zweck: Syrien-Spende

Neuer Platz für Marienstatue

Maria-NOR-B8485Im Zuge der Kanalbauarbeiten im vergangen Jahr wurde fast der gesamte Garten rund um das Gemeindezentrum Christ König Nordenstadt aufgegraben. Entsprechend musste auch die Marienstatue weichen und wurde von vielen Gemeindemitgliedern vermisst. Inzwischen hat der Nordenstädter Liturgieausschuss einen neuen Standort ausfindig gemacht und dieser wurde dankenswerterweise von Reiner Musche neu angelegt. Wir möchten zur Einweihung des neuen Standortes eine kleine Marienandacht feiern und laden für Dienstag, 18. Oktober, um 18 Uhr herzlich zum Mitfeiern und Mitbeten ein. Die sich normalerweise anschließende Messe entfällt, da der Termin in den Herbstferien liegt.

Brief aus Aleppo

Anlässlich des Weltjugendtages 2005 kamen 70 junge Syrer nach Christ König Nordenstadt. Seitdem hält Familie Maier immer noch Kontakt nach Syrien. Anbei ein erschütternder Bericht aus Aleppo von Dr. Nabil Antaki:

Brief Nr. 27 der Blauen Maristen aus Aleppo vom 17. Sept. 2016
Übersetzung des französischen Originals

Aufbegehren und Mitleiden

Der zwischen Russen und Amerikanern  ausgehandelte Waffenstillstand ist jetzt seit fünf Tagen in Kraft. Bis jetzt wird er  eigentlich eingehalten. Die muslimischen Aleppiner konnten das Fest Eid al Adha (Opferfest) in den Straßen und öffentlichen Parks feiern ohne Angst zu haben vor Mörsern oder Gasflaschen, gefüllt mit Nägeln und Sprengstoff, welche die Rebellen nun seit vier Jahren und zwei Monaten auf Aleppo abwarfen und alle Tage viele Opfer forderten. Bis jetzt gab es kein Blutbad mehr wie vor 70 Tagen beim Fest Eid al Fitr, als die Mörsergranaten, abgeschossen auf zivile Wohngebiete und auf die Straßen voll mit feiernden Familien, Dutzende Tote – hauptsächlich Kinder – forderten. Aber die Aleppiner sind auf der Hut. Sie sind skeptisch hinsichtlich einer Verlängerung des Waffenstillstands, da dieser nicht die beiden Gruppen Daesh (IS = Islamischer Staat) und Al Nosra umfasst, die von der internationalen Gemeinschaft als Terroristen betrachtet werden.

Die Situation ist in letzter Zeit sehr kompliziert geworden. Der Konflikt in diesem Gebiet hat jetzt internationalen Charakter angenommen. Während die Türkei jahrelang die Terroristen unterstützten, indem sie diesen ihre Grenzen öffnete und sie mit Waffen versorgte, ist sie jetzt direkt auf syrischem Gebiet aktiv. In der Tat ist ihre Armee in syrisches Gebiet eingedrungen (ohne Zustimmung von Syrien, das ein souveräner Staat und Gründungsmitglied der UNO ist), um angeblich Daesh (IS) zu bekämpfen, aber in Wirklichkeit um  hauptsächlich die kurdischen Milizen zu bekämpfen, welche  im Grenzstreifen auf der syrischen Seite südlich der Türkei mehrere Dörfer und Städte unter Kontrolle halten. Diese Milizen werden von den Amerikanern, welche im Prinzip die Verbündeten der Türkei sind, unterstützt, beraten und bewaffnet. Eine verfahrene Situation.

Andererseits gestehen die Amerikaner ein, dass sie im Osten Syriens bei Hassake eine Basis mit Spezialeinheiten haben. Schließlich spricht niemand mehr über die Wiederaufnahme von Verhandlungen und die Positionen bleiben unverändert verhärtet.

Aleppo, unsere Stadt, leidet immerfort. Die westlichen Medien machen sie zum medialen Schaufenster des Konflikts. Die Aleppiner würden lieber auf dieses Renommee verzichten. Sie leiden seit vier Jahren und können es kaum erwarten, dass dieser Albtraum zu Ende geht. Sie sind empört wenn die Medien nur von dem Leid der Zivilbevölkerung in einigen von den Rebellen und Terroristen kontrollierten Stadtteilen berichten, die zusammen 250 000 Einwohner zählen. Das Leid von eineinhalb Millionen Menschen im Westen der Stadt wird mit Schweigen übergangen. Sie sind aufgebracht durch Dutzende Mörsergranaten, Raketen und Splitterbomben, die jeden Tag in die zivilen Stadtteile einschlagen, ohne dass jemand protestiert. Sie sind aufgebracht durch die totale Stromsperre seit langer Zeit, da die Elektrizitätswerke sich im Gebiet der Rebellen befinden. Sie sind aufgebracht wegen der  totalen Einstellung der Wasserversorgung, selbst während der Sommerhitze (40 Grad im Schatten). Sie waren gezwungen sich das Wasser aus 300 Brunnen zu holen, die in den letzten zwei Jahren mitten in der Stadt gebohrt wurden.

Sie sind aufgebracht wegen der Straßenblockaden, die immer wieder stattfinden und Versorgungslücken zur Folge haben.

Sie sind empört, dass die westlichen Regierungen und Medien es ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnen, wenn die syrische Armee ein Stückchen vorrückt oder einen Kampf gegen die Terroristen gewinnt, um den Belagerungsring zu öffnen. Immer dann verlangt der Westen einen Waffenstillstand, um den Vormarsch der syrischen Armee zu stoppen.

Die Tragödien, die wir erleben und beobachten, sind dermaßen zahlreich, dass unsere Empörung kein Ende findet. Hier einige Beispiele:

Mahmoud, ein Junge von 6 Jahren, dessen Vater verstarb, kam ohne Arme zur Welt. Er lebte mit seiner Mutter, seiner Schwester und seinem Onkel in einer kleinen Stadt der Provinz  Aleppo, die unter Kontrolle des Daesh (IS) steht. Diese Gruppe lässt keine Einwohner der Städte, die sie kontrolliert, ausreisen, sie  behält sie als menschliche Schutzschilder. Wie viele andere, beschloss die Familie nachts diese Stadt zu verlassen, um nach Aleppo zu kommen. Mahmoud wurde von seinem Onkel getragen, als eine von Daesh gelegte Mine  explodierte, seinen Onkel tötete und Mahmoud die Beine und Füße so verletzte, dass man sie amputieren musste. Jetzt ist Mahmoud ohne Arme und ohne Beine. Empörung und Mitleid.

Das Immobilienprojekt 1070 besteht aus Dutzenden Immobilen, die wegen des Krieges unvollendet blieben, ohne Wände, ohne Sanitäreinrichtungen, nur Fußboden und Dach. Sie wurden von hunderten Flüchtlingsfamilien in Besitz genommen. Diese hatten ihre Wohnungen im Juli 2012 verlassen, als die Rebellen in ihr Stadtgebiet einfielen, und sind nach Aleppo geflüchtet, das unter der Kontrolle des Syrischen Staates stand. Sie hatten zuerst in öffentlichen Schulen logiert, dann hat man sie nach „1070“ gebracht, wo sie sich mit Planen anstelle von Wänden, mit Wasserkanistern und Eimern als Toiletten einrichteten. Vor einem Monat wurde „1070“ das Ziel der Terroristen Al Nosra. Mehrere Tage lang beschossen sie es mit Mörsern und Raketen, bevor sie in dieses Gebiet einfielen. Diese zum dritten Mal Vertriebenen verloren ihre Toten und ihre Verwundeten und das Wenige, das sie während der vier Jahre in ihrem Elend erworben hatten, um jetzt in Zelten auf dem Mittelstreifen der Ringautobahn zu leben. Empörung und Mitleid.

Der Exodus der Bewohner von Aleppo, hauptsächlich von Christen, geht weiter. Nach Europa ist Canada das Ziel, neuerdings stellt Australien den syrischen Flüchtlingen Visa aus. Die Zahl der Christen in  Aleppo ist gegenüber der Zeit vor dem Krieg auf ein Viertel zurückgegangen.

Zwischen Empörung und Mitleiden setzen wir, die Blauen Maristen unsere Hilfsprogramme für die Flüchtlinge und die Ärmsten fort:

Mit dem Programm „Die Blauen Maristen helfen den Vertriebenen“ verteilen wir weiterhin  Lebensmittel- und Sanitärpakete jeden Monat an 850 Familien. Wir helfen ihnen auch, indem wir das Abonnement für „1 Ampère“ bei privaten Betreibern von Generatoren bezahlen, damit sie abends ein paar Lampen einschalten können. Wir geben ihnen einmal im Monat Fleisch oder Geflügel. Wir mieten für sie kleine Appartements, in denen sie wohnen können. Auch dieses Jahr schenken wir zum Schulbeginn allen Schulkindern Unterrichtsmaterial zusätzlich zu unserer Beihilfe zu den Schulgebühren.

Das Projekt „Kriegsverwundete Zivilpersonen“ leistet weiterhin kostenlose Pflege für Zivilpersonen aller Konfessionen, die durch Schüsse und Granatsplitter verwundet sind. Das geschieht im Krankenhaus St. Louis, dem besten privaten Krankenhaus der Stadt, das von katholischen Schwestern geführt wird.

Das Projekt „Ärztliche Versorgung durch die Blauen Maristen“ finanziert monatlich mehr als 100 ärztliche Maßnahmen um Kranken zu helfen, welche die Kosten für eine Operation, einen Krankenhausaufenthalt, eine Durchleuchtung und manchmal sogar für eine Konsultation oder eine Laboruntersuchung nicht bezahlen können.

Das Projekt „Ich habe Durst“ verteilt weiter kostenlos Wasser an die von uns unterstützten Familien. Unsere vier mit Wasserbehältern bestückten Kleinlaster sind von morgens bis abends unterwegs zwischen Brunnen und Wohnungen.

Das Projekt „ Ein Tropfen Milch“ versorgt jeden Monat fast 3000 Kinder im Alter von wenigen Tagen bis 10 Jahren mit Milch.

Zu Beginn des Sommers haben wir einen Teil unseres Schulhofs zu einem Spielplatz umgestaltet  mit Schaukeln, Rutschbahnen usw. Auf diesem Sommer-Freizeitgelände können unsere Familien fünf Nachmittage in der Woche verbringen, an einem Platz, der sicherer ist als ihr Wohnviertel. Die Kinder spielen unter Aufsicht von Betreuerinnen, und die Erwachsenen verbringen ein wenig Freizeit mit Kartenspiel oder Tric-Trac (Backgammon) oder sie entspannen sich ganz einfach bei Kaffee, Tee oder Mineralwasser oder beim Körner knabbern. Unsere beiden Busse dienen als Shuttle zwischen unserem Gelände und den Wohnquartieren. Diese Einrichtung bereitete allen viel Freude und stellt eine gute Anti-Stress-Therapie dar.

Unsere Besuchergruppe von Vertriebenen hat Zuwachs von mehreren Freiwilligen bekommen, von ehemaligen Maristen der Familie Champagnet. Sie besucht regelmäßig die Familien in ihrem Umkreis, selbst wenn sie in den gefährlichen Randgebieten wohnen wie „1070“, um solidarische Verbindungen zu knüpfen, sich nach ihren Bedürfnissen zu erkundigen und zu versuchen Abhilfe zu schaffen.

Unsere pädagogischen Projekte gedeihen. Die Erzieher(innen) der beiden Projekte „I learn to grow“ und „I want to learn“ kommen seit Anfang September jeden Morgen zusammen, um die Bildungs- und Ausbildungsprogramme für den kommenden Schulbeginn zu erstellen. Dieses wird schwierig sein in Anbetracht der Rekordzahl der Aufnahmeanträge und der bereits angenommenen Anträge trotz der räumlichen Enge.

Alle unsere bisherigen Kinder von „I want to learn“, die aus verschiedenen Gründen nicht zur Schule gingen, haben die Tests auf dem Niveau des Erziehungsministeriums bestanden und werden wieder, ohne bei Null zu beginnen, ihren Schulgang fortsetzen können. Darauf sind wir stolz, die Kinder, ihre Eltern und wir selbst.

„Skill School“ hat weiterhin die Heranwachsenden angezogen. Mit der Zahl von 75 ist das Maximum unserer Kapazität erreicht.

Unser Zentrum der Erwachsenenbildung „M.I.T.“ wird zusätzlich zu den dreitägigen Kursen, die seit drei Jahren mehrmals im Monat stattfinden, in einigen Tagen ein neues Angebot eröffnen. Ein Kurs von 100 Stunden auf acht Wochen verteilt, drei Nachmittage pro Woche, um arbeitenden Leuten die Teilnahme zu ermöglichen. Das Thema ist: „Wie gehe ich an eine eigene Unternehmensplanung heran?“ Wir haben die besten Fachleute Aleppos engagiert, um den jungen Leuten zu helfen ein Unternehmensziel zu finden und zu verwirklichen und ihr Leben zu gestalten. Wir unterrichten die Teilnehmer auf eine praktische Weise, wie man eine Vorstellung von einem Projekt bekommt, wie man dieses Ziel verwirklicht, wie man die Kosten eines Produkts ermittelt, wie man einen Haushaltsplan aufstellt, wie man die Vorgehensweise plant, wie man die Finanzierung löst, wie man Marketing und Verkauf organisiert. Am Ende des Kurses präsentieren die Teilnehmer ihre Projekte einer Jury von Fachleuten und wir werden zur Finanzierung der besten realisierbaren Projekte beitragen.

Unser Projekt „Ausrottung des Analphabetismus“ hat seinen ersten Kurs mit 40 Teilnehmern abgeschlossen. Alle haben das Examen des Kultusministeriums bestanden und ein Zeugnis erhalten, das ihnen ein Niveau der 4. Grundschulklasse bescheinigt. Man muss das Glück der großen Erwachsenen gesehen haben, als sie ihre Zeugnisse erhielten und stolz waren jetzt lesen und schreiben zu können.

Wir begleiten weiterhin die Familien, um ihnen Gehör zu geben, ihnen psychologische Unterstützung zu geben, ihre Sorgen zu verstehen, ihnen ihre oft erniedrigte Würde wieder zu geben, ihnen Hoffnung zu machen und sie fühlen lassen, dass wir mit ihnen solidarisch sind.

Empört wegen allem, was wir hinnehmen müssen, sehen, hören und fühlen. Ja, die Blauen Maristen begehren auf. Wir können das Unerträgliche nicht ertragen.

Das Mitleiden ist einer unserer Werte. Wir teilen das Leiden unserer Brüder und Schwestern, ihre Verzweiflung, ihre Hoffnungslosigkeit und ihre Schicksale.

Die Solidarität ist unsere Art Wohltätigkeit und Liebe mit ihnen und für sie zu leben.

Aleppo, 17. September 2016-09-24

Dr. Nabil Antaki

Im Namen der Blauen Maristen


Spenden:
Kath. Pfarrei St. Peter + Paul, Wiesbaden
IBAN: DE70 5105 0015 0128 0349 35
Zweck: Syrien-Spende

Umbau der Pfarrkirche St. Birgid steht bevor

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Klarer, strukturierter und harmonischer – so soll laut Planern der Innenraum der katholischen Pfarrkirche St. Birgid nach der Renovierung auf den Betrachter wirken. Anhand eines Modells erläuterte Pfarrer Frank Schindling im Anschluss an den Sonntagsgottesdienst die vorläufigen Planungen. Die sichtbarste Veränderung wird die neue Anordnung von Tabernakel und Taufbecken sein. Letzteres wird an den Eingang versetzt, das Tabernakel hat seinen Platz künftig unter dem Altarkreuz, so dass Taufbecken, Altar und Tabernakel demnächst eine Linie bilden.

Umbau-5-BIE-B7615Die Pläne, die Apsis mit einer Glaswand und –tür vom Kirchenraum abzutrennen, und dort eine Kapelle mit einem beweglichen Wochenaltar einzurichten, stießen bei den anwesenden Gemeindemitgliedern zwar grundsätzlich auf Zustimmung, nicht aber das Umstellen der Marienfigur, die ihren neuen Platz links neben dem Ambo finden sollte. Man wolle die Marienandachten auch in der Apsis abhalten, so der Tenor der Gemeindemitglieder, und man einigte sich darauf die Figur samt Stele an die Rückwand der Apsis zu verschieben und dort  die geplante Rundbank in der Mitte zu teilen.

Überlegt wurde auch, die Glastür der Apsis mit einem Motiv zu versehen. Wer in der Kapelle sitze und bete, brauche einen Fixpunkt fürs Auge, sagte Kunsthistorikerin Dr. Simone Husemann. Ansonsten schweife der Blick in den großen Kirchenraum und verliere sich dort. Ein mögliches Motiv sei das St. Birgid-Kreuz, wurde in der Runde vorgeschlagen.

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Umgebaut wird der auch der Bereich unterhalb der Orgelempore. Neben der Sakristei ist dort künftig ein Gesprächszimmer untergebracht, das unter anderem für die Beichte genutzt werden soll. Abgetrennt vom Kirchenraum wird die Besucherempore im Turm. Hier entsteht ein Gebets- und Meditationsraum.

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Zum Abschluss stellte Pfarrer Schindling noch den Zeitplan vor. Bereits im Juni sollen alle Aufträge ausgeschrieben werden, die Vergabe erfolgt dann im Juli. Baubeginn ist laut Architekt Thomas Dang vom Architekturbüro Poganiuch und Dang Mitte/Ende August. Da gleichzeitig der untere Saal umgebaut wird, sind Kirche und Gemeindezentrum während der Arbeiten geschlossen. Pfarrer Schindling freute sich mitteilen zu können, dass die evangelische Nachbargemeinde der Pfarrei Obdach angeboten habe. Der Architekt habe angekündigt, dass die Kirche zum 1. Advent wieder geöffnet werde. Spätestens aber Weihnachten sollte es soweit sein, sagte Schindling, der hofft, dass zum Patrozinium dann auch das Gemeindezentrum fertig ist.

Die Jugendlichen dürfen sich indessen als erste freuen. Das in der ehemaligen Kita untergebrachte Jugendzentrum soll bereits im Juli bezogen werden.

Text/Fotos: Goerlich-Baumann