Augenfasten! – Das große Zittauer Fastentuch

Die Katholische Erwachsenenbildung Wiesbaden-Untertaunus & Rheingau und die Pfarrei St. Bonifatius haben einen besonderen Gast zu Besuch: Eine Kopie des großen Zittauer Fastentuches von 1472 wird von Aschermittwoch bis Ostern 2021 das Altarkreuz des einstigen Hochaltares von St. Bonifatius verhüllen.
In einer Höhe von über acht Metern und mit einer Breite von fast sieben Metern erzählt das Fastentuch in 90 einzelnen Bildfeldern die Heilsgeschichte, von der Schöpfung bis zum Jüngsten Gericht.

Um die Jahrtausendwende wird erstmals von dem Brauch berichtet, in der Fastenzeit Reliquien wie Kreuze zu verhüllen und zwischen Altar und Gemeinde ein Tuch aufzuspannen. Diese Tücher werden bis heute als „Hungertücher“ bezeichnet, weil dem nach der Eucharistie „schmachtenden“ Gläubigen der Blick auf das Allerheiligste verwehrt wird. Bedenkt man die im Mittelalter übliche Praxis der „Augenkommunion“ wird die Bedeutung dieses Verzichts noch spürbarer.

Von diesen Zeugnissen mittelalterlicher Frömmigkeitspraxis sind nur noch wenige erhalten geblieben, u.a. das Große Zittauer Fastentuch, das zu den ältesten und größten seiner Art überhaupt zählt. Bis ins 17. Jahrhundert verhüllte es jedes Jahr zwischen Aschermittwoch und Karsamstag den Altarraum der Zittauer Hauptkirche St. Johannis.

Nun wird es in Wiesbaden in eben dieser Funktion als Kopie zu sehen sein. Es unterbricht, verändert und erweitert zugleich die Wahrnehmung des Gottesdienstraums.

Zeitgleich ist das etwa hundert Jahre jüngere „Kleine Zittauer Fastentuch“ in der Frankfurter Katharinenkirche ausgestellt. Anders als das in mehrere Bildfelder aufgeteilte große Tuch zeigt die kleinere Variante, entsprechend der stilistischen Vorgabe ihrer Zeit, die Kreuzigung Christi als bildbeherrschende Mitte, umrahmt von den arma Christi.

Veranstaltungen:

Information und Anmeldung jeweils über die KEB Wiesbaden:
www.keb-wiesbaden.de und keb.wiesbaden@bistumlimburg.de

17.02.32021, 19:00 bis 20:30 Uhr
„Augenfasten! – Das große Zittauer Fastentuch“
Eröffnung und Einführung von Dr. Simone Husemann via ZOOM

24.02.2021, 19:00 bis 20:30 Uhr
Haste nicht gesehen… – Funktion und Geschichte des Zittauer Fastentuch“
Vortrag von Dr. Peter Knüvener, Direktor der Städtische Museen Zittau, St. Bonifatius oder via ZOOM
(aktuelle Hinweise auf der Website www.keb-wiesbaden.de)

Vorankündigung:

24.03.2021, 19:00 bis 20:30 Uhr
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum… – Das neue Hungertuch – ein Künstlerinnengespräch mit Lilian Moreno Sánchez“
Ort: Pfarrsaal, St. Bonifatius

Lilian Moreno Sánchez, die Künstlerin, die das neue Hungertuch des Hilfswerks Misereor entworfen hat, ist bei uns zu Gast. Der Titel ihres Werkes: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum – Die Kraft des Wandels“ ist wohl so aktuell wie nie. Unsere Räume sind eng geworden. Nutzen wir also das Fenster, das sich öffnet, den „weiten Raum“, der sich auftut, um den Blick hin zu neuen Perspektiven und der Idee des Wandels zu öffnen.

Als Ausgangsbasis des dreigeteilten Entwurfs dienten der Künstlerin Röntgenbilder von teils gebrochenen, teils verdrehten Knochen und Gelenken von Menschen, die in Santiago de Chile bei Demonstrationen gegen soziale Ungleichheit durch die Staatsgewalt verletzt wurden. Die Staub- und Erdflecken auf der textilen Oberfläche, Bettwäsche aus einem Kloster nahe München, stammen vom Ort der Proteste.