Erste Orientierung im deutschen Behördendschungel

Caritas und Jüdische Gemeinde eröffnen Ukraine-Hilfezentrum

Interview mit Caritas-Mitarbeiterin Carolin Enenkel

Der Caritasverband Wiesbaden-Rheingau-Taunus bietet gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde im Roncalli-Haus eine erste Anlaufstelle für Flüchtlinge aus der Ukraine. Caritas-Mitarbeiterin Carolin Enenkel, zuständig für Gemeindecaritas, berichtet im Interview von den ersten Erfahrungen und Fragestellungen.

Der Caritasverband Wiesbaden-Rheingau-Taunus hat gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden ein Ukraine-Hilfe-Zentrum im Foyer des Roncalli-Hauses eröffnet. Wie ist es dazu gekommen?

Enenkel: Das hat mehrere Gründe. Die Jüdische Gemeinde liegt in direkter Nachbarschaft und viele ihrer Gemeindemitglieder kommen aus der Ukraine. Zugleich sind viele der Flüchtlinge Juden. Wir wollten gemeinsam schnell reagieren und eine erste Anlaufstelle schaffen.

Wie sind Ihre Erfahrungen nach den ersten Öffnungstagen?

Enenkel: Unsere Erfahrungen sind sehr gut, der Bedarf für das Angebot ist definitiv da. Wir haben bisher noch nicht viel Werbung für das Hilfezentrum gemacht und trotzdem kommen zu den Öffnungszeiten zwischen zwanzig und dreißig Menschen, zum Teil mit ihren Familien, zu uns. Es kommen viele Frauen mit Kindern, aber auch ältere Menschen.

Wo liegen denn die größten Schwierigkeiten, mit denen die Menschen zu kämpfen haben?

Enenkel: Die Menschen suchen Schutz und Hilfe bei uns und eine Perspektive, wie es weitergehen kann. Die erste Hürde, auf die sie dabei treffen, ist die Sprachbarriere. Die meisten sprechen kein Deutsch oder Englisch. Bei uns im Hilfezentrum übersetzen Menschen ehrenamtlich für uns. Wir helfen den Geflüchteten bei der Orientierung im Behördendschungel. Viele haben Fragen zur Unterbringung und Wohnungssuche. Sie scheitern dabei, ein Konto zu eröffnen, weil ihnen auch hier meist die Sprachbarriere im Weg steht. Einige fragen auch gezielt nach ärztlicher Hilfe, weil sie Medikamente oder Hilfsmittel brauchen, oder nach psychologischen Beratungsangeboten, weil die Kriegs- und Fluchterfahrungen sie und ihre Kinder traumatisiert haben. Manche benötigen auch einfach Kleidung, weil sie im ukrainischen Winter geflohen sind und nichts Passendes zum Anziehen für wärmeres Wetter haben. Es sind viele unterschiedliche und individuelle Fragestellungen.

Gibt es denn entsprechende Angebote zur Unterstützung?

Enenkel: Die Hilfsbereitschaft ist sehr groß. Es haben sich schon knapp fünfzig Menschen bei uns gemeldet, die helfen möchten. Dabei sind Menschen aus der jüdischen Gemeinde, den katholischen Kirchengemeinden, aber auch Menschen aus der Stadt, die einfach so mithelfen möchten. 22 Ehrenamtliche übersetzen inzwischen für uns. Eine Studentin begleitet die Geflüchteten bei Bedarf zum Beispiel zur Kleiderkammer vom Sozialdienst Katholischer Frauen oder zum Deutschen Roten Kreuz. Wir freuen uns sehr über das Angebot der Jugendkirche Kana, im Hilfezentrum für die Geflüchteten Kinderbetreuung anzubieten. Die Pfarrei St. Birgid hat angeboten, zu den Öffnungszeiten des Hilfezentrums mit dem Kaffeemobil zu kommen und die Wartenden mit Getränken willkommen zu heißen. Es gibt viele Unterstützungsangebote, für die wir sehr dankbar sind.

Was ist sonst geplant?

Enenkel: Wir möchten das Angebot flexibel gestalten und an die Bedürfnisse der Geflüchteten anpassen. Wie sich das weiter entwickeln wird, wird sich also in den nächsten Wochen zeigen. Wir sind zum Beispiel gerade im Gespräch mit Banken, um den Geflüchteten die Möglichkeit zur Kontoeröffnung zu geben. Wir hoffen, dass es ein Zeitfenster geben wird, in dem sie direkt aus unserem Hilfezentrum und in Begleitung von Ehrenamtlichen zum Übersetzen zur Bank gehen können. Eventuell müssen wir die Öffnungszeiten des Hilfezentrums ausweiten. Vielleicht brauchen wir mehr Kinderbetreuung oder Patenprogramme mit Ehrenamtlichen und Geflüchteten aus der Ukraine. Wir sind hier offen und flexibel. Es ist aber auch eine Frage der Finanzierung. Momentan trägt der Caritasverband Wiesbaden-Rheingau-Taunus e.V. die Finanzierung allein.

Was brauchen Sie jetzt vor allem?

Enenkel: Am meisten helfen uns Spenden weiter mit denen wir gezielt Hilfen finanzieren können. Derzeit versuchen wir, so wenig Kosten wie möglich zu verursachen. Allerdings sind während der Öffnungszeiten des Hilfezentrums drei bis vier hauptamtliche Berater, also Sozialarbeiter oder Sozialpädagogen, im Hilfezentrum. Ihr Fachwissen ist für die Beratung der Geflüchteten unersetzbar. Momentan planen wir eine kleine Küchenzeile für die Kinderbetreuung. Die Kinder müssen mit Getränken und Essen versorgt werden. Wir hoffen, dass wir Sprachkurse mit Kinderbetreuung anbieten können. Dafür benötigen wir dann Honorarkräfte. Wir haben für die Ukraine-Hilfe ein gesondertes Spendenkonto eingerichtet.
Wir freuen uns natürlich weiterhin über Ehrenamtliche, die mithelfen wollen. Sie können sich per Mail unter servicepool@caritas-wirt.de/ melden oder per Telefon: 0611/ 174 211.

Wie geht es weiter?

Enenkel: Wir haben sehr flexibel reagiert und wollen uns diese Flexibilität erhalten. Wir hören den Geflüchteten zu, um herauszufinden, was noch benötigt wird, und prüfen, ob es umsetzbar ist. Jeden Tag rufen zudem Leute an, die etwas anbieten oder mitmachen wollen. Das wächst gerade rasend schnell. Und es ist ein Segen!

Das Ukraine-Hilfezentrum im Roncalli-Foyer (Friedrichstraße 26-28) hat montags und mittwochs jeweils von 14 bis 16 Uhr geöffnet. Spenden für das Zentrum können eingezahlt werden auf das Konto des Caritasverbandes Wiesbaden-Rheingau-Taunus e.V.: IBAN: DE35 4006 0265 0004 4441 01, DKM Darlehenskasse Münster eG, Stichwort: Ukraine.

Interview: Barbara Reichwein – Bistum Limburg/Foto: Caritasverband Wiesbaden-Rheingau-Taunus. Es zeigt drei aus der Ukraine geflüchtete Frauen im Gespräch mit Migrationsberaterin Franziska Landsgesell.