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Zwischen Grenze und Hoffnung: Gemeindefahrt zum Point Alpha

 

Bereits am frühen Morgen startete unsere Reise mit einem ersten Kennenlernen, bevor es nach rund zwei Stunden Fahrt zum historischen Ort, der Gedenkstätte Point Alpha, an der ehemaligen innerdeutschen Grenze ging. Dort tauchten wir ein in die bewegte Geschichte Deutschlands von 1945 bis 1989. Nicht als abstrakte Jahreszahlen, sondern als Schicksale. Kalter Krieg, deutsche Teilung, Grenzregime: Begriffe, die plötzlich Gesichter bekommen. Das berühmte Zitat „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“ wirkt hier nicht wie ein Satz aus dem Geschichtsbuch, sondern wie ein bitteres Versprechen, das gebrochen wurde. Wir sahen Grenzsteine, hörten von Fluchtversuchen und erfuhren eindrücklich, wie der Alltag im geteilten Deutschland aussah. Besonders bewegend war das Birkenkreuz, das an die Menschen erinnert, die ihr Leben für die Freiheit verloren haben.

Nach einer Mittagspause erkundeten wir den „Weg der Hoffnung“. Der Künstler Dr. Ulrich Barnickel hat dafür 14 Skulpturen gestaltet, die an die Stationen Kreuzwegs angelehnt sind. Hier verbinden sich Glaube und Geschichte auf eindrucksvolle Weise. Die Kunstwerke sollen nicht nur betrachtet, sondern dürfen auch berührt und erlebt werden, wodurch die Auseinandersetzung mit der Geschichte besonders intensiv wurde – uns wurde im wahrsten Sinne „der Spiegel vorgehalten“. Das Lesen von Fürbitten an jeder Station verlieh dem Rundgang eine nachdenkliche und persönliche Atmosphäre.

Ein weiterer Höhepunkt des Tages war das fesselnde und bewegende Zeitzeugengespräch mit Berthold Dücker bei Kaffee und Kuchen. Er wurde 1947 im „westlichsten Zipfel des Ostens“ geboren und wuchs im Sperrgebiet nahe der Grenze auf. Seine Schilderungen gingen unter die Haut: Familien und Freundschaften wurden durch die Grenze auseinandergerissen, das Leben war stark von Diktatur geprägt. Er berichtete von Zwangsaussiedlungen, Indoktrination und davon, dass Kinder früh lernten, was gesagt werden durfte – und was nicht, wie Kinder zum Lügen erzogen wurden. Dass im Sportunterricht Handgranaten-Weitwurf geübt wurde, lässt viele ungläubig den Kopf schütteln. Seine persönliche Fluchtgeschichte aus dem Jahr 1964 ließ Bilder im Kopf entstehen, die niemanden unberührt ließen. Immer wieder betont er, wie wichtig es ist, die Vergangenheit nicht zu vergessen. Zitat: „Die größte Gefahr geht vom Vergessen aus – wenn wir aufhören uns zu erinnern.“

 

Am späten Nachmittag ging es weiter nach Fulda, wo wir unser Hotel bezogen und den Tag bei einem gemeinsamen Spaziergang und einem gemütlichen Abendessen in der Wiesenmühle ausklingen ließen.

Nach einem ausgiebigen Frühstück fuhren wir am nächsten Morgen erneut zur Gedenkstätte Point Alpha. In zwei Gruppen aufgeteilt, unternahmen wir eine kleine, zweistündige Wanderung entlang der ehemaligen Grenze. Die Eindrücke des Vortages wurden dabei weiter vertieft.

Zum Mittagssnack kamen wir wieder zusammen um im Anschluss gemeinsam am Ende des „Weg der Hoffnung“ ein Gottesdienst zu feiern. Besonders eindrucksvoll trafen hier „Ossi“ und „Wessi“ in einer Dialogpredigt aufeinander – unterschiedliche Lebenswirklichkeiten, die ins Gespräch kamen. Es geht um Verständnis, um Zuhören, um Versöhnung.

Mit vielen Eindrücken im Gepäck traten wir schließlich die Heimreise an. Die Fahrt hinterließ bei allen Beteiligten einen bleibenden Eindruck und so waren sich alle einig: Diese Fahrt war weit mehr als ein Ausflug – sie war eine intensive Begegnung mit Geschichte, Glauben und Gemeinschaft. Ein Anstoß, sich weiterhin bewusst mit Geschichte auseinanderzusetzen und das Erlebte weiterzutragen.

 

Text und Fotos: Alexandra Chytry