Franziskaner verlassen nach mehr als 150 Jahren Kloster Marienthal. Die Wallfahrt wird fortgeführt.
Ein Ort, der Kraft und Hoffnung spendet
MARIENTHAL.- „Kein Tag war wie der andere“, mit diesen Worten blickt Pater Paul Waldmüller von der Franziskanergemeinschaft im Kloster Marienthal voller Dankbarkeit auf seine Zeit in dem idyllisch gelegenen Rheingauer Wallfahrtsort zurück. Marienthal war der 14. Wirkungsort des Franziskaners; der schönste, aber, wie er sagt, auch der herausforderndste. Im August verlassen die sieben noch verbliebenen Franziskanerbrüder aus Altersgründen – alle sind um die 80 Jahre alt – das Kloster und beenden damit eine über 150-jährige Präsenz, die den Pilgernden, Wallfahrenden und Besuchenden bis zum Schluss Halt und Orientierung bot.

Prägende Gastfreundschaft
Seelsorge in ihrer reinsten Form leisteten die Franziskaner in Marienthal. Wer an der Klosterpforte klingelte, wurde eingelassen und eingeladen mit der Gemeinschaft zu leben. Von Menschen in Nöten, über Leute, die sich eine Weile zurückziehen wollten, bis hin zu Wandernden und Pilgernden wurden alle aufgenommen. Diese Gastfreundschaft habe ihn in Marienthal sehr geprägt, sagt Pater Paul. Einmal habe man sogar Kirchenasyl geleistet und über mehrere Monate eine Mutter mit ihrem Kind aufgenommen.
Zusätzlich begleiteten die Franziskaner die Pilgergruppen bei den Wallfahrten, feierten Gottesdienste und spendeten zahlreiche Taufen. Darüber hinaus leisteten sie seelsorgliche Dienste in den umliegenden Pfarreien. Wandernde, Touristen und Kirchenbesuchende fanden immer ein offenes Ohr. „Es ist immer jemand da. Das ist wichtig“, findet der Franziskaner, der im August nach Landshut zieht und dort Hausgeistlicher einer Schwesterngemeinschaft wird.
„Maria hat geholfen“
Die Wallfahrt in Marienthal geht laut Überlieferung auf ein Ereignis im Jahr 1309 zurück, als der Jäger Hecker Henn bei einem Unfall sein Augenlicht verlor. Er ließ sich daraufhin in das Waldtal bringen, in dem an einem Baum ein Vesperbild befestigt war. Das Gnadenbild von Marienthal ist ein kleines Vesperbild. Es stellt Maria dar, wie sie nach der Kreuzabnahme ihren toten Sohn auf dem Schoße trägt. Nachdem der Jäger zur Gottesmutter gebetet hatte, konnte er wieder sehen. Inzwischen befindet sich das Vesperbild in der Wallfahrtskirche, wo es bis zum heutigen Tag verehrt wird. Zahlreiche Platten an der Kirchenwand, versehen mit Ort und Datum, bezeugen: „Maria hat geholfen! Maria wird weiter helfen!“
Pater Guido trotzte dem Kulturkampf
Am 1. Mai 1873 bezogen die ersten Franziskaner, auf Einladung von Bischof Peter Josef Blum, Marienthal. Mitten im Kulturkampf war es nicht leicht den Standort zu erhalten. Bereits im August 1875 mussten die Patres Marienthal wieder verlassen, nur Pater Guido Keller blieb vor Ort – offiziell als Verwalter, doch sein Auftrag war, die Wallfahrt zu erhalten. Eine Marmortafel mit seinem Namen erinnert im Park des Wallfahrtsgeländes an seinen segensreichen Einsatz. 1888 kehrten dann die Franziskaner nach Marienthal zurück.
Die Geschichte und das Wirken der Franziskaner in Marienthal hat Christopher Klein anlässlich des Jubiläums im Buch „150 Jahre Franziskaner im Kloster Marienthal“ zusammengefasst. Dafür hat er das Archiv in Marienthal und die Chroniken und Zeitschriften der Franziskaner-Provinz studiert. Der gebürtige Marienthaler ist mit dem Wallfahrtsort aufgewachsen. Erst als Messdiener, dann als Organist. Bereits als Jugendlicher hatte er in manchen Monaten 50 bis 60 Orgeldienste. Damals gab es noch viele Trauungen in Marienthal. „Das Kloster war damals das Zentrum der Jugendarbeit in Marienthal“, erinnert sich Klein gerne zurück. Die Ministranten seien eine „lustige Horde“ gewesen. Bis zum heutigen Tag spielt er die Orgel. „Ich habe so viel Positives in Marienthal erlebt“, sagt Klein, der hier „viel Kraft, Trost, Dank und Hoffnung“ erfahren durfte. Viele Wandernde spürten an dem Ort etwas, denn Tag und Nacht würden Kerzen auf dem Pilgerplatz hinter der Kirche brennen. Nach den Gottesdiensten erlebe Klein die Leute fröhlich und gut gelaunt. Er wünscht sich, dass der Wallfahrtsort weitergeführt wird.
„Die Wallfahrt wird fortgeführt“
Mit dem Abschied der Franziskaner endet ein prägendes Kapitel in Marienthal. Zugleich ist allen Beteiligten bewusst, welche religiöse, kulturelle und emotionale Bedeutung der Ort für viele Menschen in der Region und darüber hinaus hat. Deshalb richten sich die Gespräche nun darauf, die Wallfahrt und den Charakter Marienthals als Ort des Gebets, der Begegnung und der Hoffnung verlässlich in die Zukunft zu führen.
Das sieht auch Pater Paul so: „Marienthal soll ein Ort des Gebets, der Begegnung und der Gastfreundschaft bleiben. Ich wünsche mir, dass es weitergeht.“ Inzwischen hat sich ein Förderverein gegründet, der das Wallfahrtswesen unterstützen möchte. Auch das Bistum Limburg arbeitet an einer guten Zukunft für den Wallfahrtsort. „Die Wallfahrt wird fortgeführt“, sagt Susanne Gorges-Braunwarth, Fachbereichsleitung Seelsorge und Entwicklung. Zwei Vinzentiner, die in Eibingen wohnen werden, übernehmen ab dem ersten Advent die Seelsorge im Wallfahrtsort. Die Übergangszeit wird von der Pfarrei Heilig Kreuz Rheingau, von Pfarrer Michael Pauly und Pfarrer Marcus Fischer, moderiert.
Das Bistum blickt dabei auch dankbar auf die Bereitschaft von Schloss Johannisberg, als Eigentümer der Liegenschaften Verantwortung für Gebäude und Gelände übernehmen zu wollen. Schloss Johannisberg steht hierzu im positiven Austausch mit der Pfarrei Heilig Kreuz Rheingau und dem Bistum Limburg und möchte so „zum Erhalt des traditionsreichen und kulturell bedeutsamen Ortes beitragen.“
Verabschiedung der Franziskaner
Die Franziskaner in Marienthal werden im Rahmen des Hochfestes Mariä Himmelfahrt am Samstag, 15. August 2026, verabschiedet. Um 10.30 Uhr wird auf dem Pilgerplatz eine Heilige Messe mit Weihbischof Thomas Löhr gefeiert; musikalisch gestaltet vom Ensemble von Elsterbach. Im Anschluss gibt es ein einfaches Mittagessen. Um 13 Uhr führt die Laienspielgruppe Stella Maris das Stück „Für Maria kam die Zeit“ auf. Um 15 Uhr folgt ein offizieller Festakt zur Verabschiedung der franziskanischen Brüder, der von dem Mainzer Posaunenquintett „Trombonissimi“ musikalisch begleitet wird.
T + F: Anne Goerlich-Baumann, Bistum Limburg
